Sauberkeitsentwicklung
Irgendwann klappt es ganz von selbst
Viele Kinder in unserer Krippe entdecken gerade mit großem Interesse die Toilette. Die Kleinen beobachten genau, was die Großen da machen und die Großen sind einfach nur stolz, wenn sie Pipi oder Aa in die Toilette gemacht haben. Doch was im Grunde ein ganz natürlicher Prozess des Menschen ist, sorgt bei uns Erwachsenen immer wieder für Verunsicherung und Zweifel: Wie nennen wir eigentlich das, was da in der Toilette landet? Ist mein Kind schon zu alt, um noch in die Windel zu machen? Sollte ich mein Kind mehr antreiben, damit es schneller klappt? – Im Titel ist im Grunde schon das Wichtigste gesagt: Irgendwann klappt es ganz von selbst! Und doch ist es gut, einiges rund um das Thema zu wissen, um selber die notwendige Geduld und Ruhe für die manchmal auch herausfordernde Situation des Trockenwerdens zu haben und die Kinder mit möglichst viel Verständnis begleiten zu können.
Um ohne Windel auszukommen, muss ein Kind zunächst vielerlei Fähigkeiten erlernt haben. Es muss vor allem eine bestimmte geistige Reife haben, um aus der Fülle an Körpersignalen jene auszufiltern und wahrzunehmen, die anzeigen, dass es jetzt auf die Toilette muss. Auch muss das Kind in seinem Umfeld in der Lage sein, rechtzeitig durch geeignete Signale sein Bedürfnis zu kommunizieren. Genauso wichtig ist aber auch die körperliche Reife zur Kontrolle der Ausscheidungsorgane. Das heißt, das Kind muss körperlich dazu in der Lage sein, den Blasenschließmuskel wenigstens für einige Zeit willentlich geschlossen zu halten. Diese Voraussetzungen erfüllen Kinder im Normalfall frühestens mit 2-2,5 Jahren. Die vollständige Entwicklung der Blasenkontrolle kann 4-5 Jahre dauern.
Der Gang auf die Toilette hängt somit von reifungsbedingten Fähigkeiten ab, die nicht geübt oder antrainiert werden können. Der Stress mit endlosen Probesitzungen auf der Toilette ist somit für den letztlichen Erfolg bedeutungslos. Das vorzeitige Erkunden der Toilette kann lediglich dem Kind helfen, bereits eine positive und unbelastete Beziehung zur Toilette aufzubauen. Vielmehr ist es so, dass sich Druck eher störend auf das Erleben der eigenen Kontrolle der Ausscheidungsfunktionen auswirkt, da der eigene Wille und Handlungsimpuls nach außen verlagert wird. Wir warten als Erwachsene einfach geduldig darauf, dass vom Kind der Impuls kommt auf die Toilette zu gehen. Wir stellen nur die Weichen dafür, dass das Kind alle körperlichen und kognitiven Voraussetzungen erlangen kann.
So schaffen wir die notwendigen Rahmenbedingungen für ein stressfreies „Trockenwerden“ der Kinder:
Wir bzw. andere Kinder sind Vorbilder, denen die Kinder nacheifern wollen: Viele Kinder haben anfänglich Angst vor der Toilette, da sie befürchten hinein oder herunter zu fallen. Wir leben den Kindern vor, dass der Gang auf die Toilette etwas ganz Natürliches ist. Auch hilft ein fester, nicht wackelnder Toilettenaufsatz, so dass das Kind Sicherheit verspürt.
Für eine entspannte Sauberkeitsentwicklung Eurer Kinder halten wir es daher für ganz wichtig, dass Eltern und Betreuer der Kinderkrippe eng zusammenarbeiten. Wir wünschen uns einen regen Austausch zu diesem Thema und sind für Eure Fragen und Wünsche jederzeit gerne da!
Bedingungslose Liebe
In unserer täglichen Arbeit mit den Kindern tragen wir einen Teil der großen Verantwortung, die Kinder in ihrer Entwicklung zu einem positiven Selbstkonzept zu begleiten. Das Selbstbild, welches ein Mensch. in seiner Kindheit von sich und der Welt entwickelt, bedingt seine Umgangsweise mit dem Leben, seine Wahrnehmung, das Bewusstsein über seine Fähigkeiten und Kompetenzen. Somit also sein Selbstbewusstsein und seine spätere Lebensführung.
Laut Carl Rogers (Psychologe, Psychotherapeut) gibt es sieben wesentliche Botschaften, welche Eltern und andere Bezugspersonen im Laufe der Erziehung an den Heranwachsenden senden müssen, um die Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes zu begünstigen. In diesem Newsletter wollen wir uns die erste Botschaft genauer ansehen: Bedingungslose Liebe.
Rogers formuliert dies folgendermaßen:
„Ungeschuldete Liebe, das heißt die Einstellung der Eltern und anderen Bezugspersonen muss sein, das Kind zu lieben so wie es ist. Darunter versteht man, dass die elterliche Liebe nicht an Bedingungen geknüpft werden darf. Vor allem nicht an Bedingungen, welche das Kind nicht im Stande ist zu erreichen.“
Ob wir unsere Kinder so lieben, wie sie sind, also ohne Bedingungen oder subtile Erwartungen, ist immer eine Überprüfung wert. Oft knüpfen wir unsere Hingabe und Zuneigung zu unseren Kindern an unsere eigenen Vorstellungen und innere Erwartungshaltung. Wir projizieren eigene Wünsche auf unser Gegenüber und erwarten, dass dieser nach unserer Wunschvorstellung „funktioniert“. In der Kommunikation macht sich das durch Formulierungen wie z.B. „nur wenn du (dies und das erfüllst)…..dann (hab ich dich lieb)“. Diesen Satz gibt es in sehr vielen verschiedenen Variationen und wahrscheinlich kennt ihn auch jeder von uns. Gut ist, wenn uns dies im Umgang mit unseren Kindern auffällt und bewusst wird. Bei dieser Bewusstwerdung sollten wir vor allem unsere tiefverborgenen Bedingungen und Erwartungen aufspüren, die wir vielleicht schon von unseren eigenen Eltern eingeimpft bekommen haben. Gerade die ganz tiefen Erwartungen die von uns nicht ausgesprochen werden, sondern im Umgang immer subtil mitschwingen, beeinflussen die Beziehungen zu unseren Lieben. Kinder haben eine unglaublich sensible und reine Empfindung, sie können unsere unbewussten, verborgenen Prägungen spüren und werden darauf reagieren. Möglicherweise wird ein Kind, welches lernt, dass es nur geliebt wird, wenn es funktioniert, große Schwierigkeiten haben sich später selbst anzunehmen, sich zu vertrauen, sein Selbstbewusstsein wird nicht ausgefüllt sein. Ein Kind, das nur Liebe erfährt, wenn es äußere Anforderungen erfüllt wird auch im Erwachsenenalter in äußeren Dingen seine Erfüllung suchen und vielleicht irgendwann schmerzlich erleben und erfahren müssen, dass es dort nur immer kurzfristige Zufriedenheit findet. Bedingungslose Liebe meint jedoch nicht, dass wir unseren Kindern keine Grenzen mehr setzen.
Grenzen gehören zum Leben. Sie schützen und sind einfach notwendig. Jeder Mensch hat auch innere Grenzen. Keiner hat endlose Kraft oder kann seine Bedürfnisse ignorieren. Kinder haben das Recht darauf Grenzen zu spüren und vor allem den eignen Umgang damit zu finden. Grenzenlose Erziehung nimmt den Kindern eine wichtige, natürlich Erfahrung, nämlich den eigenen Umgang mit Barrieren. Hierbei erfährt das Kind mannigfaltigste Gefühle und Emotionen in seinem Inneren, es erlebt seine innere Fülle und Vollständigkeit. Dort gibt es u.a. Trauer, Wut, Zorn, wenn es etwas nicht haben darf oder schafft. Das ist völlig in Ordnung und gehört zur Entwicklung dazu.
Bedingungslosigkeit bezieht sich also auf unseren Herzenszustand, auf unsere Hinwendung, auf unsere Selbstlosigkeit. Wenn wir tief in dieses wertvolle Thema eintauchen, dann sehen wir unsere Kinder mit anderen Augen. Augen, die auch Grenzen setzten, Augen die strahlen, wenn sie in zufriedene spielende Gesichter sehen, Augen die die Kinder mit Weisheit sehen und große Lachfalten haben.
Konzentration
Die Kinder geben uns immer wieder Anlass zum Staunen. Vor kurzem saß ich auf einer Stufe neben einem Jungen aus unserer Krippe. Er war ganz innig vertieft in das Auf- und Abziehen seines Reißverschlusses an seiner Jacke. Immer wieder zog er – auf – ab – auf – ab. Nichts konnte ihn in diesem Moment ablenken oder stören. Er war hoch konzentriert.
Konzentration ist eine natürliche Lernmethode, die den Kindern Entwicklungsschritte ermöglicht. Konzentration fordert Zeit. Zeit, etwas in Ruhe und ohne Druck von außen erproben zu können.
Wird die Konzentration durch äußere Umstände unterbrochen, wird der Lernschritt mitunterbrochen und muss zu einem anderen Zeitpunkt weiter ausgeführt werden.
Oft ist dieses Unterbrechen mit einem großen Widerstand von Seiten des Kindes begleitet. Natürlich verständlich- auch von uns selbst wissen wir, dass es inneren Aufwand und eine gewisse Fokussierung der Kräfte kostet, Konzentration herzustellen. Die Kräfte zu kanalisieren und auf eine Handlung zu richten ist eine Tätigkeit, die sich nach vielen Wiederholungen stärkt. So wie ein Muskel, der durch viele Bewegungswiederholungen wächst und kräftig wird, so wird auch die Konzentration eingeübt und ausgeweitet.
Die Unterbrechung bedeutet eine spontane Zerstreuung des Vorganges und wird als unangenehm empfunden.
Wir beobachten, dass Kinder verschiedenen Rhythmen von Konzentration und Entspannung folgen. Tagesform, Gesundheitszustand und Bedürfnisse wie Hunger und Durst spielen dabei auch eine Rolle. Wichtig für uns ist zu erkennen und zu beobachten, wann sich ein Kind in einer Konzentrationsspanne befindet, um einen abrupten Abbruch zu vermeiden.
Immer gelingt das nicht, da auch der Tagesablauf seinen Rahmen fordert. Oft gibt es jedoch die Möglichkeiten den Kindern gewisse Spielräume einzurichten, um den fokussierten Lernvorgang zu Ende zu bringen.
Hilfreich dabei ist auch, Kinder auf Situationswechsel vorzubereiten und in Aussicht zu stellen. Zeitangaben machen in diesem Altern noch keinen Sinn aber die Aussicht, dass nun bald alle Zähneputzen gehen und die Spielzeit zu Ende ist, macht schon eine innere Einstellung für das Kind möglich. Der innere Vorgang kann leichter zu Ende gebracht werden und eine andere Situation beginnt.
Die Konzentrationsspanne nimmt mit zunehmendem Alter zu, das Kind wird ausdauernder. Voraussetzung dafür ist, dass es die Möglichkeit erfährt, ausreichend und tief in ein Thema einzusteigen.
Auch der Junge aus meiner Beobachtung hatte in diesem Moment die Möglichkeit seinen Reisverschluss ausgiebig zu erforschen. Er löste sich nach einer gewissen Zeit und wand sich anderem zu.
Staunend stellen wir immer wieder fest, dass Kinder immer zur rechten Zeit in ihrem Entwicklungsprozess ihre Fähigkeiten einsetzen und das Rechte zur rechten Zeit lernen.
Es ist fast wie ein innerer Plan, mit verschiedenen Stationen. Die Stationen sind bei allen Kindern gleich, doch die Zeit, wann welche Station reif wird, variiert individuell. Lernen wir den Plan unserer Kinder kennen und ermöglichen wir ihnen diesen so gut wie möglich zu verwirklichen.
Veränderung
Der April gibt uns mit seinen wechselhaften, unvorhersehbaren Launen einen guten Anlass uns Gedanken über Veränderungen zu machen. Nicht nur die Natur verändert sich ständig, auch Kinder verändern sich. Veränderungen sind eng mit der Entwicklung verknüpft. Sie sind sogar eine logische Folge, wenn man so will. Nicht immer sind wir auf diese Veränderungen vorbereitet und manchmal kommen wir doch ins Staunen, wie sich von einem Tag auf den anderen die Umstände, das Können, die Kompetenzen des Manschens ändern können.
Um dem ständigen Prozess der Entwicklung und somit auch den Veränderungen lebendig begegnen zu können, bemühen wir uns täglich um einen „neuen“ Blick auf das Kind. Im beweglichen Entwicklungsprozess hätten festgefahrenen Meinungen, Urteile und Bilder keinen Platz. Täglich bemühen wir uns um eine „neue“ Begegnung untereinander. Diese innere Beweglichkeit ermöglicht uns ein wahres Eingehen auf das Gegenüber und aus dem Moment zu leben. In den bestehenden Momenten können wir die Kinder in ihrem „Sein“ wahrnehmen. Wir sehen das Kind in seinem Wesen und nicht in den Verhaltensweisen von gestern. Neue Begegnung und neues Einlassen, bereitet die Möglichkeit immer wieder andere, neue Facetten, Talente und Inneres im Gegenüber kennen zu lernen.
Das Leben hält viele Überraschungen bereit, wenn wir uns gegenseitig den Raum geben und uns immer wieder neu in die Augen blicken.
Annahme spielt hierbei eine große Rolle. Neue oder veränderte Verhaltensweisen werden angenommen und in das Gemeinschaftsleben integriert. Das Kind erfährt durch diese bedingungslose Annahme, tiefe Akzeptanz und Wertschätzung. Ein starkes Erlebnis von tiefen Vertrauen, Sicherheit und Schutz wird dem Kind zu teil. Es fühlt sich eingehüllt und getragen. Das erlebte Vertrauen spricht: „Du bist gut so wie du bist”. Das Getragensein – das Erlebnis dieser Kraft, kann im späteren Leben von großer Bedeutung sein. In der fortgeschrittenen Entwicklung wird das Kind auf dieses Erlebnis zurückgreifen können und sich daraus selbst vertrauen können. Es wird nicht nur sich selbst vertrauen, es wird auch anderen Menschen Vertrauen schenken. Seine Beziehung zu sich selbst und auch zu seinen Mitmenschen kann dadurch ehrlich und stark werden.
Annahme bedeutet für uns jedoch nicht, dass die Klarheit im Zusammenleben leidet. Die Pädagogen begleiten die Kinder und führen sie achtsam durch den Alltag. Regeln werden vermittelt und gemeinsam werden sie wiederholt und eingeübt.
Regeln sind vergleichbar mit den Gesetzen der Natur, die wir alle erfahren und die uns Sicherheit und Halt geben. Auf der einen Seite erfahren wir Veränderungen und Wandel in der Natur, doch erfahren wir auch Gesetzmäßigkeiten. Dem Winter folgt immer der Frühling dann kommt der Sommer und später der Herbst (in unseren Breitengraden). Eine Pflanze wächst nach einem unveränderbaren Prinzip und dem Tag folgt die Nacht. Gesetzte sind immer und überall gegenwärtig, wir leben und folgen ihnen. Schwierigkeiten kann es geben, wenn wir ihnen nicht folgen (z.B. Regeln in der Gemeinschaft) und was passiert dann? Das gehört zur Selbsterfahrung jedes Menschens. Wir (der Mensch) müssen und wollen Grenzerfahrungen machen, um zu einem selbsterfahrenen Bewusstsein zu kommen. Was passiert mir, wenn ich mich nicht mehr im vorgegebenen Rahmen bewege? In der Pädagogik suchen wir täglich nach dem Ausgleich zwischen Regeln (Gesetzen) und Beweglichkeit (Veränderungen). Kinder wollen und müssen Regeln überschreiten um zu lernen und sich zu entwickeln. Wir als Pädagogen (und Sie als Eltern sicherlich auch) suchen das feinfühlige Begleiten dieses Prozesses und sind gleichzeitig selbst integriert und ein Teil davon. Nicht immer ist dieser Weg einfach und klar und das ist wohl eine Regel im lebendigen Entwicklungsprozess, der wir alle unterworfen sind.
Vorbildfunktion
Durch unsere tägliche pädagogische Arbeit und das Beobachten, wird uns immer stärker bewusst, welche Kraft und Wichtigkeit unserer Funktion als Vorbild zukommt. Der Automatismus der Nachahmung ist nicht ausschließlich die Lernkraft des Kindes, welche es dazu antreibt Fertigkeiten zu erlernen. Das Kind ahmt nicht nur rein auf körperlicher Ebene nach, um Gehen, Sprechen, Schneiden, Springen etc. zu lernen, es ahmt den Erwachsenen auch auf weiteren Ebenen nach.
So nimmt es sich auch ein Vorbild im Umgang mit Gewohnheiten und Vorlieben der Bezugsperson. Wie geht der Erwachsenen mit Veränderungen um, ist er beweglich oder fällt es ihm eher schwer, sich auf neue Situationen einzulassen? Essgewohnheiten, Gestaltung des Tages, Schlafrhythmus, all diese Prozesse (gesunde, wie auch ungesunde) werden vom Kind nachgeahmt bzw. mitgetragen, auch wenn sie das Kind nicht immer gleich auslebt.
Des Weiteren ist das Kleinkind auch auf seelischer Ebene, dem Gefühlsleben, auf sein Vorbild angewiesen. Wie geht der Erwachsenen mit eigenen Gefühlen um? Was erlebt das Kind in Mimik, Gestik, der gesamten Körpersprache und somit in der Ausdrucksform des Erwachsenen? Welche Möglichkeiten hat die Bezugsperson im Umgang mit anderen? Ist er einfühlsam, herzlich und positiv gestimmt oder zeigt er sich verletzt, traurig und verschlossen? Auch erspürt das Kind, ob der Erwachsene authentisch ist oder etwas verheimlicht, was auch wiederum Auswirkungen auf das Kind bzw. die Beziehung haben kann.
Ganz automatisch, vermitteln die Bezugspersonen ihre inneren Einstellungen, Gefühle, Gedanken, Vorurteile, Vorlieben usw. dem Kind. Das macht es für uns so wichtig, unser eigenes Innenleben zu überprüfen, um den Kindern so gut wie möglich ein gutes Vorbild zu sein. Eigene innere Losgelöstheit, innere Zufriedenheit, innere Klarheit wird ebenso vermittelt, wie Verletzungen, alte Vorurteile oder Mangelgedanken.
Deswegen erkennen wir, dass Erziehung in jedem Menschen selbst anfängt.
Durch Reflexionsgespräche und gegenseitiges Spiegeln, im geschützten Rahmen des Kollegenkreises, versuchen wir liebevoll unsere „negativen“ inneren Bilder und Gedanken zu erkennen und zu verändern. Dies ist der Anfang allen pädagogischen Wirkens und auch eine unendliche Kraftquelle, aus der wir Geduld und Liebe schöpfen, wenn sie einmal freigesetzt ist. Freiheit, Mündigkeit und Liebe können nur vermittelt werden, wenn wir als Erwachsene innerlich frei und mündig sind und gelernt haben, uns hingebungsvoll selbst zu lieben.
Wir üben uns auch in Achtsamkeit, Annahme und Erkennen unseres Gegenübers. Aus dem Erkennen, was echtes Zuhören voraussetzt, können wir verstehen, was das Gegenüber von uns braucht. Dadurch können wir in die passende Handlung gehen und uns ganz und gar dem Menschen widmen. Vorbildsein heißt für uns auch, uns im rechten Augenblick zurück zu nehmen und im rechten Augenblick präsent zu sein. Zu überprüfen, was ich wann erzähle, was ich als Vorbild nicht vor dem Kinde erwähne, welche Worte ich nutze, wie viel ich vor dem Kinde erzähle (ist diese Erklärung altersgemäß?) und auch das Einfühlungsvermögen schule, welche Wirkung ich wohl als Erwachsener auf das Kind habe.
Wir sehen, welch weites bedeutungsvolles Thema sich vor uns aufmacht und es gilt nicht, darin perfekt zu sein. Perfekte Reflexionen, perfekte Vorbildfunktionen, perfekte Bezugspersonen gibt es nicht! (Falls sie es geben würde, wären Sie auch keine besseren Menschen.) Es geht uns darum, dass wir uns immer wieder, Tag für Tag um die Bewusstheit der Themen bemühen und mit erweitertem Blick uns selbst und somit auch die Kinder verstehen und erkennen. Wer sich selbst erkennt und kennt, kann auch andere erkennen, tief verstehen und lieben.
freie Kinder
Diese Woche machten wir uns im Team wieder Gedanken über unsere Umgangsweise mit den Kindern und der Pädagogik bei „Le Papillon“. Dazu stimmten wir uns mit einem Abschnitt aus „dem Propheten“ von Khalil Gibran ein, welcher die Inspiration zur Konzeptentwicklung bei Kindern wachsen Flügel gab.
„Und eine Frau, die einen Säugling an der Brust hielt, sagte: “Sprich uns von den Kindern”.
Und er sagte:
“Eure Kinder sind nicht Eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch Euch, aber nicht von Euch, und obwohl sie mit Euch sind, gehören sie Euch doch nicht. Ihr dürft ihnen Eure Liebe geben, aber nicht Eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen, denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das Ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in Euren Träumen.
Ihr dürft Euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie Euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen Eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, und ER spannt Euch mit seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst Eure Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie ER den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt ER auch den Bogen, der fest ist.“
Khalil Gibran
Natürlich stecken sehr viele Anregungen in diesem Text, die immer wieder aufgegriffen werden wollen. Wir thematisierten erst einmal, dass wir viele Freiräume und Zeiten ermöglichen möchten, in denen die Kinder eigenen inneren Impulsen nachgehen können, ohne zu „funktionieren“. In diesem Zusammenhang stellten wir die Frage, warum wir eigentlich oft erwarten, dass Kinder unsere Vorstellungen übernehmen oder sogar nach ihnen zu funktionieren. Wenn du nicht… dann …, Aber du solltest jetzt…, Nein, das ist so nicht richtig, mache es so und so… etc.
Wir gingen auf Motivsuche, und fragten uns, warum wir doch immer wieder aufzwingen, obwohl wir uns um sehr bewussten Umgang bemühen. Wir kamen zu erstaunlichen Einsichten. Meist haben wir selbst diese Übergriffe der Umwelt in unserer Kindheit erfahren und erinnern uns nicht mehr, wie einengend und abschnürend sich dies für uns als Kinder anfühlte.
Manchmal sind wir auch einfach Gefangene unserer Vorstellungen, wie etwas sein müsste und setzten uns selbst innerlich unter Druck: Zeitdruck, Leistungsdruck, Druck zu Gefallen usw.
Natürlich müssen dann Kinder mitziehen und werden auch gedrängt und gedrückt. Gegenseitig erinnerten wir uns im Team daran, dass wir uns Zeit nehmen dürfen, dass nicht alles perfekt erfüllt sein muss, Verzögerungen dürfen vorkommen, sie sind sogar manchmal wichtig und bewirken ein gutes Gleichgewicht. Uns wurde wieder sehr deutlich, dass für uns die wirklichen inneren Bedürfnisse der Kinder, aller Menschen, das wichtigste sind.
Bildung fängt im Inneren an, sie braucht lediglich Zeit und Raum im äußeren Umfeld, um sich zu entfalten.
Kosenamen und Verniedlichung im Bezug auf das kindliche Selbstwertgefühl
Kommunikation mit Kindern ist in jeder pädagogischen Einrichtung ein großes Thema. So haben auch wir uns einige Gedanken zu diesem weiten Feld gemacht und möchten uns heute einen Teilbereich genauer ansehen. Gerade in der pädagogischen Arbeit mit Kleinkindern ist die Verniedlichung der Kinder und das Benutzen von Kosenamen ein großes Thema.
Die Natur hat es sich doch eigentlich sehr intelligent ausgedacht, den Erwachsenen an das Kleinkind durch eine intensive und enge Beziehung zu binden. Wer bringt es schon über das Herz so ein süßes Schatzilein, mit den dicken Bäckchen, der kleinen Stupsnase und den großen unschuldigen Augen, nicht ins Herz zu schließen?! Das Kindchen-Schema hat seine Wirkung und das muss auch so sein.
Trotzdem ist es von großer Wichtigkeit, dass wir uns immer wieder hinterfragen, ob wir das Wesen des Kindes sehen und ihm durch unser Verhalten gerecht werden.
In welchem Tonfall sprechen wir das Kind an? Welche Worte benutzen wir dem Kind gegenüber? Welche Wirkung kann unser Verhalten auf das Kind haben? Warum geben wir dem Kind z.B. einen Kosenamen, wo liegen unsere Motive? Verniedlichungen und Kosenamen können beziehungsstärkend sein, da wir oftmals auf diesem Wege unsere Zuwendung ausdrücken. Doch können sie auch einsperren und abstempeln. Kosenamen können Kinder in Schubläden stecken und ihnen bestimmte Rollen zuteilen. So wird vielleicht aus einem Kind, dem öfter etwas herunterfällt ein „Trampelchen“ und aus dem langsamen Hans ein „Schnecki“. Kommen Kinder aus solchen Bildern so einfach wieder heraus und haben wir sie gefragt, ob sie es mögen, wenn wir sie Mausi, Spatzi oder anders rufen?
Gerade in den ersten Jahren bildet das Kind seine eigene Identität aus, d.h. es wird sich seines Selbst immer bewusster, das Selbstbewusstsein entsteht. Wir als Erwachsene spiegeln hierbei dem Kind immer wieder seine Wirkungsweise, Verhalten und Handeln durch unser eigenes Verhalten wieder. Wir möchten uns deswegen über die Wirkungsweise unseres Verhaltens sehr klar sein. Kommunikation verlangt große Achtsamkeit und die Akzeptanz bzw. das Erkennen des Gegenübers. Auch in der täglichen Beziehungspflege steht uns die Verniedlichung des Kindes zu einer wahren, liebevollen Kontaktaufnahme im Weg. Kindern wachsen Flügel möchte jedes Kind in seiner individuellen, inneren Stärke und mit seinen Talenten erkennen. Wir bemühen uns deswegen immer wieder aufs Neue in der täglichen Begegnung, bei jedem Kind auf „Schatzsuche“ zu gehen. Dies ist ein Grundsatz in unserem Leitbild und in unserer Philosophie, den wir immer wieder überprüfen und auch Sie als Eltern herzlich dazu einladen.